Wenn die Nation den Staat überlebt: Nekropolitische Desartikulation und Gegenstaatlichkeit im gegenwärtigen Iran

Geschrieben von: Reza Aschuri

Dieser Artikel theoretisiert ein historisch vernachlässigtes politisches Phänomen: die Bedingungen, unter denen Bürger sowie Diaspora-Gemeinschaften ihre nationale Identifikation von ihrem eigenen Staat entkoppeln – bis hin zu dem Punkt, dass sie externe Gewalt gegen ihn nicht als Verrat, sondern als einen Akt nationaler Treue begrüßen. Indem die Studie das Konzept der nekropolitischen Disartikulation entwickelt, führt sie Mbembes Nekropolitik, Puars Theorie der Schwächung, Entkopplungsmodelle von Staat und Nation sowie Ahmeds Kulturelle Politik der Gefühle zusammen. Sie vertritt die These, dass eine anhaltende nekropolitische Herrschaftsausübung schrittweise jene affektive und symbolische Infrastruktur zerstört, die eine Bevölkerung an ihren Staat bindet, was zu einer normativen Umkehrung des Patriotismus und schließlich zu einer Gegenstaatlichkeit führt, in der sich die nationale politische Identität gegen den Staat anstatt durch ihn organisiert. Der Artikel vertieft Mbembes theoretischen Rahmen durch eine Auseinandersetzung mit Al-Kassimis theologischer Kritik der Nekropolitik und weist nach, dass die Herrschaftslogik der Islamischen Republik nicht durch Offenbarung ermöglicht wird, sondern durch deren systematische ideologische Verzerrung – eine Säkularisierung der Heiligen Schrift, die die souveräne Autorität vor theologischer Rechenschaftspflicht schützt. Die Velayat-e Faqih wird dementsprechend als eine säkularisierte Ideologie politischer Macht neu gerahmt, die strukturell analog zu anderen modernen autoritären Formationen ist. Durch eine sozio-historische Analyse Irans von 1979 bis 2026 sowie einen vergleichenden Blick auf Syrien und Belarus liefert der Artikel ein übertragbares analytisches Konzept für die Politische Soziologie, die Nationalismusforschung und die Diasporapolitik. Schlüsselwörter: Nekropolitik, Staat-Nation-Disartikulation, iranische Politik, Diaspora-Nationalismus, Gegenstaatlichkeit, Velayat-e Faqih Einleitung Im Januar 2026, als die Sicherheitskräfte der Islamischen Republik Iran eine Welle der Tötung landesweiter Demonstranten durchführten, die letztlich Tausende von Menschenleben fordern sollte, trat sowohl in der inländischen als auch in der iranischen Diaspora-Öffentlichkeit ein auffälliges und theoretisch bislang nicht erfasstes Phänomen zutage: Eine erhebliche Anzahl von Iranerinnen und Iranern sprach sich offen für Militärschläge der USA und Israels gegen jenen Staat aus, dem sie nominell angehörten, und stellte diese Haltung nicht als Verrat, sondern als einen Akt der Treue gegenüber der iranischen Nation dar. Dies war keine isolierte Reaktion. In den Jahren nach dem Aufstand „Frau, Leben, Freiheit“ im September 2022 vollzogen Iranerinnen und Iraner bereits subtilere, aber strukturell verwandte Formen der Entidentifizierung: Sie weigerten sich, die internationalen Siege der Fußballnationalmannschaft zu feiern, mit der Begründung, solche Feiern dienten der Legitimität der Islamischen Republik und keinem wahrhaf…

diaspora nationalism · Iranian politics · necropolitics · state–nation disarticulation

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